Die Neugründung

Ziel der Initiative ist die Neugründung der Holbein-Stiftung als interdisziplinäres Forschungszentrum zu Geschichte und Gegenwart der Homosexualitäten an der Universität Jena. Holbeins Idee war visionär: Er wollte Lehre und Forschung zu Homosexualität an einer Universität institutionell verankern. Hintergrund war das verbreitete Unwissen über das Thema, aber auch seine Tabuisierung insbesondere in akademischen Kreisen. Selbst in seinem Scheidungsprozess, so schreibt Holbein zu den Motiven seiner Initiative, sei der eigentliche Scheidungsgrund mit keinem Wort erwähnt worden.

Die Universität Jena wählte Holbein als Adressatin seiner Stiftung, weil er dort studiert und promoviert hatte und weil er "deren geistiger Richtung", wie er später schrieb, "das Beste meines Lebens" verdankte. Doch die Universität reagierte von Beginn an reserviert. Erst nach längeren Debatten und Modifikationen akzeptierte sie im August 1919 die Stiftung. Im Herbst 1929, kurz vor der ersten Regierungsbeteiligung der NSDAP in Thüringen, hatte sich der Wind vollkommen gedreht. Nun stigmatisierte die Universitätsleitung Homosexuelle offen als "unerwünschte Elemente" und schlug Holbeins Erbe aus. Dass man das verbliebene Stiftungsvermögen während der NS-Zeit dann der "pathologischen Anstalt" der Universität zukommen ließ, bedarf keines weiteren Kommentars. Seit 1939 stand die Universität unter der Leitung des Rassenforschers Karl Astel, der dem "Reichsführer SS" Heinrich Himmler bereits 1937 ein Programm zur "Erforschung der Homosexualität" angedient hatte, das auf deren "Ausmerzung" zielte. Darüber hinaus bot er Himmler die Entwicklung von Maßstäben für die "Kastration von Sexualverbrechern" und ihre "Sicherungsverwahrung und evtl. für die Vernichtung, d. h. Tötung" an.

Mit der Neugründung der Holbein-Stiftung als Forschungszentrum soll Holbeins Vermächtnis nun erfüllt und zugleich fortentwickelt werden. Dabei sollen aktuelle Forschungsansätze zu Menschen- und Minderheitenrechten, Justizgeschichte und Kriminologie, Wissens- und Wissenschaftsgeschichte, Alltags- und Emanzipationsgeschichte, Identitätskonzepten und Stigma-Management, Integrations- und Exklusionsmechanismen, Sexualität und Geschlecht sowie Religionen und Kulturen interdisziplinär gebündelt und zu innovativen Forschungsprogrammen zusammengeführt werden.

Ein erster Forschungsschwerpunkt könnte, anknüpfend an Holbeins Engagement als Jurist und Rechtsanwalt, die deutsche Rechts- und Justizgeschichte des 20. Jahrhunderts sein. Die Rechtssphäre von Verfolgung und Befreiung der gleichgeschlechtlich Begehrenden spielte im Zeitraum zwischen 1860 und 2000 in vielen Arenen und wurde von vielen Aktivist*innen betrieben. Ein auf die beteiligten Institutionen und Akteure fokussiertes Forschungsprogramm könnte die dialektischen Prozesse von Repression und Emanzipation herausarbeiten, die diese Phase prägten und so zu der grundlegenden Frage nach der "Dialektik der Aufklärung" vorstoßen.

Das Vermächtnis Holbeins, davon sind die Initiatoren der Neugründung zutiefst überzeugt, ist für die Universität Jena keine historische Last. Es ist vielmehr eine einmalige Zukunfts- und Innovationschance, mit der sich die Friedrich-Schiller-Universität an die Spitze der Forschung zu Geschichte und Gegenwart der Homosexualitäten wird setzen können.

© Alexander Zinn 2019