Rosa Winkel - Die Verfolgung Homosexueller im Nationalsozialismus
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Oswin Dieg

Musiker

Fritz Oswin Dieg wird am 16.1.1913 in Meuselwitz geboren. An der Musikschule Kahnt macht er eine Lehre als Musiker. Seit dem 25.3.1933 ist Dieg bei der Standartenkapelle der Altenburger SA beschäftigt. Zum 1.5.1933 tritt er der NSDAP bei und bleibt dort auch Mitglied, als er seine Stelle im November 1933 aufgibt und aus der SA wieder austritt. Später arbeitet Dieg als freiberuflicher Musiklehrer an der Musikschule Kahnt.

Diegs Coming out wird durch den Meuselwitzer Dachdecker Rudolf Brazda befördert: "Bis dahin konnte ich mir unter einem warmen Bruder noch keine rechte Vorstellung machen", so Dieg später. Brazda jedoch erzählt ihm "etwas vom Schminken der Männer, Tragen von Frauenkleidern, küssen unter Männern und auch etwas vom Geschlechtsverkehr unter Männern". Doch Dieg bleibt ein Einzelgänger, von der Clique um Brazda hält er sich bewusst fern: "Ich habe diese Menschen gemieden u. wenn ich sie in der Stadt je einmal traf, direkt übersehen". Diegs Verhalten ist sicher auch von den Erfahrungen geprägt, die er gleich zu Beginn seiner Musikerkarriere macht. Als er 1932 beim städtischen Orchester in Witten beschäftigt ist, lässt sich der damals 19-Jährige von einem der dortigen Musikerlehrlinge zur Onanie verführen: "Dieser Lehrling hat die Sache den anderen Lehrlingen erzählt, durch die es später auch der Chef erfuhr." Dieg verliert daraufhin seine Stelle.

Oswin Dieg

Foto von Oswin Dieg aus der NSDAP-Mitgliederkartei
Bildquelle: Bundesarchiv

Über Jahre hinweg hadert Dieg mit seiner Homosexualität. Ostern 1933 verlobt er sich sogar. Doch auch seine Verlobte kann ihn nicht davor bewahren, „auf den schiefen Weg“ zu geraten, wie er es später ausdrückt. Irgendwann kann Dieg sein homosexuelles Begehren nicht mehr unterdrücken: Nachdem er beobachtet, dass seine Musikschüler untereinander homosexuelle Beziehungen pflegen, verliert der damals 24-Jährige seine Hemmungen und verführt einige der 14- bis 16-jährigen Schüler.

Am 26.11.1937 wird Dieg durch das Landgericht Altenburg nach den §§ 174, 175 und 175a zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Dieg wird bereits am Tag seiner vorläufigen Festnahme aus der NSDAP ausgeschlossen, überdies wird er in eine "schwarze Liste" aufgenommen, "um eine evtl. spätere Wiederaufnahme unmöglich zu machen". Diverse Gnadengesuche von Diegs Mutter werden von der Staatsanwaltschaft abgelehnt. Nach Verbüßung seiner Zuchthausstrafe ordnet die Kriminalpolizeistelle Weimar am 11.12.1940 an, dass "er in Vorbeugungshaft genommen werden soll". Am 27.5.1941 kommt Dieg im Konzentrationslager Sachsenhausen ums Leben.

Literaturtipps:

Alexander Zinn: "Das Glück kam immer zu mir". Rudolf Brazda Das Überleben eines Homosexuellen im Dritten Reich. Frankfurt am Main 2011: Campus. Link zum Buchtipp

Alexander Zinn: "Aus dem Volkskörper entfernt"? Alltag und Verfolgung homosexueller Männer im "Dritten Reich". Dissertation am Max Weber Kolleg der Universität Erfurt. Berlin 2016.

© Alexander Zinn 2017